Briefe vom Nordpol

BriefeWeihnachtsmann in der Tradition von J. R. R. Tolkien

 

 

 

 

Jedes Jahr um die Weihnachtszeit erhielten die Kinder von J. R. R. Tolkien, dem Autor des bekannten Fantasy-Schmökers "Der Herr der Ringe", Post in einer seltsamen, krakeligen Handschrift, mit merkwürdigen, unbekannten Briefmarken versehen. Man fand die Briefe auf dem Fensterbrett, auf Treppenstufen, und der Absender war der Weihnachtsmann vom Nordpol! Man kann jetzt ein Buch kaufen, in dem einige der Briefe (übersetzt auf deutsch) und viele Zeichnungen zu sehen sind.

zum Buch

Auch unsere beiden Rabenjungs bekamen jahrelang Post vom Weihnachtsmann, der mit seinem Freund, dem etwas schusseligen Polarbären, am Nordpol wohnt. Nach und nach hat sich sein Haushalt vergrößert und so leben dort nun auch einige Zwerge und Elfen, die ihm mit seiner Arbeit helfen. Er schrieb von all den aufregenden Dingen, die das ganze Jahr über am Nordpol passiert waren und es immer wieder fast unmöglich machten, die Weihnachtsgeschenke rechtzeitig zu bringen. Glücklicherweise hat er es (bis jetzt!) immer noch geschafft!

Hier kannst du einen unserer Weihnachtsmannbriefe (von der Rabenfrau für das Internet bearbeitet) lesen:

  
 

So, dann seid ihr jetzt alle beide auf dem Gymnasium. Herzlichen Glückwunsch! Hoffentlich seid ihr nun auch schön fleißig?

Wir haben gerade den großen Weihnachtsputz hinter uns. Das machen wir jedes Jahr, bevor die Arbeit richtig los geht. Normalerweise sind wir damit natürlich schon im November fertig, aber dieses Jahr sind wir leider ein Wenig in Verzug gekommen. Schuld hatte wieder einmal der Polarbär, und das kam so:

Während ich die Werkstatt aufräumte, war der Polarbär für die große Wäsche zuständig. Dummerweise benutzte er dieses Mal nicht wie sonst immer gute Kernseife, sondern modernes Waschpulver aus dem Supermarkt. Also, unsere Bettwäsche ist auch richtig schön weiß geworden; aber er nahm das Zeug auch für meinen roten Weihnachtsmann-Anzug, und der war dann nach dem Trocknen plötzlich gar nicht mehr rot, sondern knall-bonbon-rosa! Stellt euch das mal vor: ein rosa Weihnachtsmann!

Polarbär und die Zwerge lachten sich kaputt, als ich ihn anprobierte. Illbereth, mein Elfen-Sekretär, hatte dann eine Idee: "Wir haben doch die Farben, mit denen wir immer die Geschenkbänder einfärben! Da ist doch auch Rot dabei. Das benutzen wir einfach für deinen Anzug."

Einer der Zwerge rannte sofort los, um die Flasche zu holen. Als er zurück kam, hatte er gleich einen ganzen Korb mit Farbflaschen dabei und machte ein langes Gesicht. Dummerweise hatte jemand letzes Jahr die ganzen farbigen Deckel verwechselt, an denen man die Farben auseinander halten konnte! Beim Einfärben der Geschenkbänder ist es ja auch egal, welche Farbe heraus kommt, denn wir brauchen sie ja doch in allen möglichen Färbungen. Aber nun standen wir doch ganz schön blöd da!

Schließlich probierten wir einfach eine Flasche nach der anderen aus. Mein Anzug wurde der Reihe nach:

  1. blau wie der Himmel im Mai
  2. quietschgelb wie ein Osterküken aus Plüsch
  3. lila wie bei gewissen Schoko-Weihnachtsmännern
  4. Blau-weiß gestreift (sah aus wie ein Schlafanzug!)
  5. Neon-grün (was haltet ihr von Weihnachtsmann als Punk??? Polarbär fand es "echt scharf", meinte aber, dann müsse ich mir aber auch den Bart färben!)
  6. weiß (na, dann kann mich im Schnee wenigstens niemand sehen)
  7. golden (Bei der Anprobe kam ich mir vor, wie ein aufgetakelter Weihnachtsbaum! Besonders, als Illbereth noch ein bisschen Lametta auf meine Mütze drapierte!)
  8. grün-rot-schwarz kariert wie ein Schottenrock (echt albern!)
  9. silbern (wie Väterchen Frost höchstpersönlich! Der würde mir was erzählen!)
  10. bunt mit Blümchen

Als Letztes blieb noch eine leere Flasche übrig, in der wohl mal die rote Farbe gewesen war. Verzweifelt sah ich gen Himmel. Ich dachte schon, ich könnte dieses Jahr gar nicht kommen, denn so hätte ich mich ja nicht unter die Leute getraut! Wenn mich da einer gesehen hätte! Du liebe Zeit!

"Jetzt ist sowieso schon alles egal," meinte Polarbär und kippte einfach alle Farben zusammen. Bevor wir ihn daran hindern konnten, hatte er den Anzug schon in den Bottich hinein geworfen. Als er ihn wieder heraus zog, sah er aus wie ein Tarnanzug für Soldaten, das Ganze allerdings in verschiedenen Blau- und Rot-Tönen. Das wäre ja vielleicht noch gegangen, aber es waren auch noch grüne und silberne Schmetterlinge darauf!

Nun hatten wir alle unsere Farben verbraucht, und guter Rat war teuer. Völlig entnervt hing ich den blöden Anzug auf einen Bügel, und weil es schon ziemlich spät war, gingen wir erstmal schlafen und vertagten weitere Aktionen auf den nächsten Vormittag.

Am nächsten Morgen lief ich vor dem Frühstück noch im Nachtzeug hinunter in den Waschkeller, um nach meinem Weihnachtsmann-Anzug zu sehen. Kaum konnte ich meinen Augen trauen: Er war über Nacht getrocknet und hing nun über seinem Bügel, wieder wunderbar leuchtend rot, wie es sich gehört! Ich weiß nicht, ob nun P.B.s Experiment letztlich doch noch von Erfolg gekrönt worden war, oder ob vielleicht etwas von dem alten Weihnachtszauber gewirkt hat, der immer über unserem Nordpol liegt... Jedenfalls ist mein Bedarf an Aufregung für's Erste mal wieder vollauf gestillt, schließlich bin ich mit über 2000 Jahren ja auch nicht mehr der Jüngste!

Mit der Arbeit sind wir natürlich jetzt ganz schön im Hintertreffen. Das ganze Theater hat, wie ihr euch denken könnt, furchtbar viel Zeit gekostet. Hoffentlich kriegen wir die ganzen Geschenke überhaupt noch eingepackt! Polarbär glaubt, die Geschenkbänder werden nicht reichen. Und wir können doch keine mehr nachfärben, weil wir keine Farbe mehr haben. Wenn ihr also ein Päckchen ohne Schleife bekommt dieses Jahr, dann wisst ihr nun, warum!

Hier kommen noch ein paar Zeilen von meinen Freunden:

Wieder mal ziemlich hektische Grüße vom Nordpol!

 
  
  

J. R. R. Tolkien: Die Briefe vom Weihnachtsmann
Klett-Cotta, ISBN 3608953302

(ob es unsere Ausgabe noch gibt, weiß ich nicht!)

Grafiken:

Bilder und Backgrounds: Die Rabenfrau
Font: XmasTermpieceSwashes, Elven Common Speak, PetraScriptEF, Roughedge