November Es
kommt eine Zeit, da lassen die Bäume ihre Blätter fallen.
Die Häuser rücken enger zusammen. Aus dem Schornstein kommt Rauch. Es
kommt eine Zeit, da werden die Tage klein und die Nächte groß,
und jeder Abend hat einen schönen Namen. Einer
heißt Hänsel und Gretel Einer heißt Schneewittchen Einer
heißt Rumpelstilzchen Einer heißt Katherlieschen Einer heißt
Hans im Glück Einer heißt Sterntaler Auf
der Fensterbank im Dunkeln, daß ihn keiner sieht, sitzt ein
kleiner Stern und hört zu. Elisabeth
Borchers
Oktoberlied Der
Nebel steigt, es fällt das Laub; schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag vergolden, ja vergolden! Und
geht es draußen noch so toll, unchristlich oder christlich, ist
doch die Welt die schöne Welt, so gänzlich unverwüstlich! Und
wimmert auch einmal das Herz stoß an, und laß es klingen!
Wir wissen's doch, ein rechtes Herz ist gar nicht umzubringen. Der
Nebel steigt, es fällt das Laub; schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag vergolden, ja vergolden! Wohl
ist es Herbst; doch warte nur, doch warte nur ein Weilchen! Der Frühling
kommt, der Himmel lacht, es steht die Welt in Veilchen. Die
blauen Tage brechen an, und ehe sie verfließen, wir wollen sie,
mein wackrer Freund, genießen, ja genießen!
Herbst Schon
ins Land der Pyramiden Flohn die Störche übers Meer; Schwalbenflug
ist längst geschieden, Auch die Lerche singt nicht mehr. Seufzend
in geheimer Klage Streift der Wind das letzte Grün; Und die süßen
Sommertage, Ach, sie sind dahin, dahin! Nebel
hat den Wald verschlungen, Der dein stillstes Glück gesehn; Ganz in
Duft und Dämmerungen Will die schöne Welt vergehn. Nur
noch einmal bricht die Sonne Unaufhaltsam durch den Duft, Und ein Strahl
der alten Wonne Rieselt über Tal und Kluft. Und
es leuchten Wald und Heide, Dass man sicher glauben mag, Hinter allem Winterleide Lieg'
ein ferner Frühlingstag.
Verklärter
Herbst Gewaltig
endet so das Jahr Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten. Rund
schweigen Wälder wunderbar Und sind des Einsamen Gefährten. Da
sagt der Landmann: Es ist gut. Ihr Abendglocken lang und leise Gebt
noch zum Ende frohen Mut. Ein Vogelzug grüsst auf der Reise. Es
ist der Liebe milde Zeit. Im Kahn den blauen Fluss hinunter Wie schön
sich Bild an Bildchen reiht - Das geht in Ruh und Schweigen unter.
Herbst Der
friedliche Übergang des Herbstes zum Winter ist keine schlechte Zeit. Es
ist eine Zeit, in der man aufbewahrt und Vorräte sammelt, soviel man kann.
Es ist schön, wenn man alles sammelt, was man ganz nah bei sich hat, seine
Wärme und seine Gedanken, und wenn man sich weit innen einen sicheren Ort
gräbt, wo man das verteidigt, was wichtig ist und kostbar und was man besitzt.
Dann können Kälte und Stürme und die Dunkelheit kommen, soviel
sie nur wollen. Sie tasten über die Wände und suchen nach einem Eingang,
doch alles ist verschlossen. Und wer Vorsorge getroffen hat, sitzt drinnen,
lacht in seiner Wärme und seiner Einsamkeit. (aus
Jansson, Herbst im Mumintal)
Herbstbild
Dies ist ein Herbsttag wie ich keinen sah! Die Luft
ist still, als atmete man kaum, Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum. O stört sie nicht,
die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält, Denn
heute löst sich von den Zweigen nur, Was von dem milden Strahl der Sonne
fällt.
Friedrich
Hebbel
Septembermorgen Im
Nebel ruhet noch die Welt, Noch träumen Wald und Wiesen: Bald siehst
du, wenn der Schleier fällt, Den blauen Himmel unverstellt, Herbstkräftig
die gedämpfte Welt In warmem Golde fließen. Eduard
Mörike
Herbst Die
Blätter fallen, fallen
wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; sie fallen
mit verneinender Gebärde. Und
in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in
allen. Und
doch ist einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen
hält. Rainer
Maria Rilke
Herbsttag Herr,
es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los. Befiehl
den letzten Früchten voll zu sein gib ihnen noch zwei südlichere
Tage, dränge sie zur vollendung hin und jage die letzte Sßüße
ind en schweren Wein. Wer
jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr Wer jetzt allein ist, wird es lange
bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen
hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. Rainer
Maria Rilke
Oktobersturm Schwankende
Bäume im Abendrot - Lebenssturmträume vor purpurnem Tod
- Blättergeplauder
- wirbelnder Hauf - - nachtkalte Schauder rauschen herauf. Christian
Morgenstern
Dis
irae Als
ich das Dis Irae in der Sixtinischen Kapelle hörte: Nein,
Gott, nicht so! Lenzfrohes Knospenspringen, Olivenhain, der Taube Silberbrust
Zeigt klarer deiner Liebe Sein und Macht Als Flammenschreck und Donnerkeulenschwingen. Die
roten Reben dein Gedenken bringen; Ein Vogel, der des Abends westwärts
fliegt, Sagt mir von Ihm, den niemals Rast gewiegt; Von dir, ich weiß
es, alle Vögel singen. Nein,
komm nicht so! Komm in des Herbsttags Stille, Wenn rot und braun entflammt
die Blätter sind Und über Wäldern echot Schnittersang. Komm,
wenn des runden Mondes Glanz und Fülle Auf goldne Ährenbündel
nieder rinnt, Und ernte deine Frucht: wir harrten lang. Oscar
Wilde
De
ramis cadunt folia Die
Blätter fallen von den Bäumen Die
Blätter fallen von den Bäumen, was grün war, ist nun alles
tot. Die Wärme ist der Erd' entflohen, die Sonne hat sich abgewandt. Kein
Fluss, der nicht über die Ufer tritt, keine Wiesenblumen fangen das Licht.
Die goldene Sonne hat sich verhüllt, auf frostige Nacht folgt Schnee
am Tag. Nun
ist alles, was lebt, im Frost erstarrt, nur ich allein bin von Hitze durchglüht.
Das Herz in mir brennt lichterloh, entfacht von dem Mädchen, für
das es schlägt. Von
Küssen wird das Feuer genährt, und von meines Mädchens scheuer
Umarmung. In ihren Augen leuchtet sein Licht, ein helleres gibt's auf
Erden nicht. Lateinisches
Liebeslied aus dem 13. Jahrhundert Übersetzung Gillian Bradshaw/Martin
Schult
Herbst Nun
laß den Sommer gehen, Laß Sturm und Winde wehen. Bleibt
diese Rose mein, Wie könnt ich traurig sein? Joseph
Freiherr von Eichendorff
Rings
ein Verstummen, ein Entfärben: Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln, Sein
welkes Laub ihm abzuschmeicheln; Ich liebe dieses milde Sterben. Von
hinnen geht die stille Reise, Die Zeit der Liebe ist verklungen, Die Vögel
haben ausgesungen, Und dürre Blätter sinken leise. Die
Vögel zogen nach dem Süden, Aus dem Verfall des Laubes tauchen Die
Nester, die nicht Schutz mehr brauchen, Die Blätter fallen stets, die
müden. In dieses
Waldes leisem Rauschen Ist mir als hör' ich Kunde wehen, daß
alles Sterben und Vergehen Nur heimlich still vergnügtes Tauschen. Nikolaus
Lenau
Es
wird Herbst Zaghaft
mischt der Herbst im Wald seine Farben. Milde Herbstsonne streichelt liebevoll
die letzten Sommerblumen, lässt sie noch einmal erstrahlen. Die Baumfrüchte
erhalten noch einen Tatsch Röte und einen guten Schuss Süße, dann
kann die Ernte beginnen. Annegret
Kronenberg Quelle:
Gedichtegarten. Vielen
Dank!
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