Gedichte vom Meer
Hier findest du Gedichte über das Meer und von der Küste.

 

 

 
 

Originalbild: Herbert Draper (1863-1920): Flying Fish

    Inhalt:

    Seitenende

    Am Meer

    Ich warf eine Rose ins Meer,
    eine blühende Rose ins grüne Meer.
    Und weil die Sonne schien, Sonne schien,
    sprang das Licht hinterher,
    mit hundert zitternden Zehen hinterher.
    Als die erste Welle kam,
    wollte die Rose, meine Rose, ertrinken.
    Als die zweite sie sanft auf ihre Schultern nahm,
    mußte das Licht, das Licht ihr zu Füßen sinken.
    Da faßte die dritte sie am Saum,
    und das Licht sprang hoch, zitternd hoch, wie zur Wehr;
    aber hundert tanzende Blütenblätter
    wiegten sich rot, rot, rot um mich her,
    und es tanzte mein Boot,
    und mein Schatten auf dem Schaum,
    und das grüne Meer, das Meer.

    Richard Dehmel

    Seitenanfang

    Die Stadt

    Am grauen Strand, am grauen Meer
    und seitab liegt die Stadt;
    der Nebel drückt die Dächer schwer,
    und durch die Stille braust das Meer
    eintönig um die Stadt.

    Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
    kein Vogel ohne Unterlass;
    die Wandergans mit hartem Schrei
    nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
    am Strande weht das Gras.

    Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
    du graue Stadt am Meer;
    der Jugend Zauber für und für
    ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
    du graue Stadt am Meer.

    Theodor Storm

    Seitenanfang

    Meeresstrand

    Ans Haff nun fliegt die Möwe,
    Und Dämmrung bricht herein;
    Über die feuchten Watten
    Spiegelt der Abendschein.

    Graues Geflügel huschet
    Neben dem Wasser her;
    Wie Träume liegen die Inseln
    Im Nebel auf dem Meer.

    Ich höre des gärenden Schlammes
    Geheimnisvollen Ton,
    Einsames Vogelrufen-
    So war es immer schon.

    Noch einmal schauert leise
    Und schweiget dann der Wind;
    Vernehmlich werden die Stimmen,
    Die über der Tiefe sind.

    Theodor Storm

    Seitenanfang

    Die Nixe

    Komm, lieber schöner Knabe,
    Komm näher an's Gestad!
    Und willst du, so bereite
    Ich dir ein lieblich Bad.

    Du siehst, die See verbreitet
    Sich spiegelhell vor dir;
    Kein Wellchen soll sich regen,
    Die See gehorchet mir,

    Genieß des Bades Freuden
    In blauer Fluthen Schooß,
    Und schau von fern mein schönes
    Krystallnes Sommerschloß.

    Mit klaren Ambrafenstern,
    Mit Perlenmutter-Thor:
    Du kommst bei seinem Anblick
    Dir wie im Himmel vor.

    Und vollends meine Gärten,
    Wo Baum sich reiht an Baum
    Mit Obst so vieler Arten,
    Du kennst die Namen kaum.

    Und Wundervögel singen
    In Meng' auf jedem Ast,
    Die Sinne, Kind, vergehen
    Beim Horchen einem fast.

    Komm, gib die Hand mir, komme!
    Die Fluth ist seicht und lau;
    Sieh hier viel bunte Muscheln
    Wie ausgestellt zur Schau.

    Komm, komm! ich geb' in Menge
    Korallen, Perlen dir;
    Kehrst du nach Hause, Mutter
    Und Schwestern danken mir.

    Und Früchte sollst du kosten,
    Wie du noch nie geschmeckt;
    Komm, gib den Arm mir, Knabe,
    Damit dich ja nichts schreckt, -

    Der Knabe naht der Nixe,
    Kann ihr nicht widerstehn,
    Steigt in die Fluth; kein Auge
    Hat ihn seitdem gesehn.

    Elisabeth Kulman

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    Goodwin-Sand

    Das sind die Bänke von Goodwin-Sand,
    Sie sind nicht Meer, sie sind nicht Land,
    Sie schieben sich, langsam, satt und schwer,
    Wie eine Schlange hin und her.

    Und die Schiffe, die mit dem Sturm gerungen
    Und die schäumende Wut der Wellen bezwungen
    Und die gefahren über die Welt,
    Unzertrümmert, unzerschellt,
    Sie sehen die Heimat, sie sehen das Ziel,
    Da schiebt sich die Schlange unter den Kiel
    Und ringelt Schiff und Mannschaft hinab,
    Zugleich ihr Tod, zugleich ihr Grab.

    Die See ist still, die Ebb ist nah,
    Mastspitzen ragen hier und da,
    Und wo sie ragen in die Luft,
    Da sind es Kreuze über der Gruft;
    Ein Kirchhof ist's, halb Meer, halb Land, -
    Das sind die Bänke von Goodwin-Sand.

    Theodor Fontane

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    John Maynard

    "Wer ist John Maynard?"

    "John Maynard war unser Steuermann,
    Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
    Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
    Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
    John Maynard."
    -
    Die "Schwalbe" fliegt ueber den Eriesee,
    Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;
    Von Detroit fliegt sie nach Buffalo -
    Die Herzen aber sind frei und froh,
    Und die Passagiere mit Kindern und Fraun
    Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun.
    Und plaudernd an John Maynard heran
    Tritt alles:"Wie weit noch, Steuermann?"
    Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:
    "Noch dreissig Minuten...Halbe Stund."

    Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei -
    Da klingt's aus dem Schiffsraum her wie ein Schrei,
    "Feuer!" war es, was da klang,
    Ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
    Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
    Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

    Und die Passagiere, buntgemengt,
    Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
    Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
    Am Steuer aber lagert sich's dicht,
    Und ein Jammern wird laut:"Wo sind wir? wo?"
    Und noch fünfzehn Minuten nach Buffalo. --

    Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
    Der Kapitän nach dem Steuer späht,
    Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
    Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
    "Noch da, John Maynard?"
    "Ja, Herr. Ich bin."
    "Auf den Strand! In die Brandung!"
    "Ich halte drauf hin."
    Und das Schiffsvolk jubelt:"Halt aus! Hallo!"
    Und noch zehn Minuten bis Buffalo. --

    "Noch da, John Maynard!" Und die Antwort schallt's
    Mit ersterbender Stimme:"Ja, Herr, ich halt's!"
    Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
    Jagt er die "Schwalbe" mitten hinein.
    Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
    Rettung: der Strand von Buffalo!
    -
    Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
    Gerettet alle. Nur einer fehlt!
    -
    Alle Glocken gehn; ihre Töne schwelln
    Himmelan aus Kirchen und Kapelln,
    Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
    Ein Dienst nur, den sie heute hat:
    Zehntausend folgen oder mehr,
    Und kein Aug im Zuge, das tränenleer.

    Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
    Mit Blumen schliessen sie das Grab,
    Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
    Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
    "Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
    Hielt er das Steuer fest in der Hand,
    Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
    Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
    John Maynard."

    Theodor Fontane

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    Möwenlied

    Die Möwen sehen alle aus,
    als ob sie Emma hießen.
    Sie tragen einen weißen Flaus
    und sind mit Schrot zu schießen.

    Ich schieße keine Möwe tot,
    Ich laß sie lieber leben --
    und füttre sie mit Roggenbrot
    und rötlichen Zibeben.

    O Mensch, du wirst nie nebenbei
    der Möwe Flug erreichen.
    Wofern du Emma heißest, sei
    zufrieden, ihr zu gleichen.

    Christian Morgenstern

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    Segelfahrt

    Nun sänftigt sich die Seele wieder
    und atmet mit dem blauen Tag,
    und durch die auferstandnen Glieder
    pocht frischen Bluts erstarkter Schlag.

    Wir sitzen plaudernd Seit an Seite
    und fühlen unser Herz vereint;
    gewaltig strebt das Boot ins Weite,
    und wir, wir ahnen, was es meint.

    Christian Morgenstern

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    Am Strande

    Vorüber die Flut.
    Noch braust es fern.
    Wild Wasser und oben
    Stern an Stern.
    Wer sah es wohl,
    O selig Land,
    Wie dich die Welle
    Überwand.
    Noch braust es fern.
    Der Nachtwind bringt
    Erinnerung und eine Welle
    Verlief im Sand.

    Rainer Maria Rilke

    Im Mondenglanze ruht das Meer

    Im Mondenglanze ruht das Meer,
    Die Wogen murmeln leise;
    Mir wird das Herz so bang und schwer,
    Ich denk der alten Weise,
    Der alten Weise, die uns singt
    Von den verlornen Städten,
    Wo aus dem Meeresgrunde klingt
    Glockengeläut und Beten -
    Das Läuten und das Beten, wisst,
    Wird nicht den Städten frommen,
    Denn was einmal begraben ist,
    Das kann nicht wiederkommen.

    Heinrich Heine

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