 | Vor
langer Zeit, als Feen und Menschen noch in Frieden mit einander lebten, begab
es sich eines Tages, dass der König von Munster ein hübsches Mädchen
beim Baden beobachtete. Er verliebtes sich sogleich in sie und machte sie zu seiner
Königin. Und im ganzen Lande gab es keine Frau, die so schön war wie
die wunderschöne Edain. Und
es geschah, dass Midan, ein großer Anführer und König der Tuatha
de Danann, von ihrer Schönheit erfuhr. So verkleidete er sich und kam zum
Hof nach Munster als wandernder Barde, denn er wollte sich mit eigenen Augen von
ihrer Schönheit überzeugen. Er war sofort hingerissen von Edain und
wollte sie für sich selber gewinnen. Und folgendermaßen ging Midan
nun vor: Er
bat den König um eine Partie Fidchel (ein schachähnliches Brettspiel
mit goldenen und silbernen Figuren). Der
König, der sehr überzeugt war von seinem Können als Fidchel-Spieler,
fragte von oben herab: "Warum sollte ich denn Fidchel mit dir spielen?"
- "Versuche
es doch, und du wirst feststellen, dass ich dir ein würdiger Gegner sein
werde!" versetzte Midan. "Nun,"
fragte der König, "worum sollen wir denn spielen?" - "Spielen
wir um fünfzig braune Pferde mit blutroten Köpfen!" sagte der Fremde. Der
König willigte ein. Es war ein schwieriges Spiel, denn die Gegner schenkten
sich nichts. Schließlich gewann der König, aber der Fremde forderte
Revanche. Dieses Mal spielten sie um fünfzig Schiffe und 50 Schwerter mit
goldenen Heften. Wieder verlor der Fremde. Endlich
sagte er: "Noch einmal will ich mein Glück herausfordern!" - "Und
was soll dieses Mal der Einsatz sein?" wollte der König wissen. "Der
Gewinner soll den Preis nennen!" versetzte der Fremde, "und was immer
er begehrt, es soll sein sein!" Der König stimmte zu. Dann begannen
sie zu spielen, und dieses Mal war es der Fremde, der gewann. Der
König rief: "Nun nenne deinen Wunsch! Und was du auch begehrst, es soll
dir gehören!" - "Ich will Edain, die Königin, als meinen Preis!"
antwortete der Fremde, "aber ich will sie dir noch lassen für ein Jahr
und einen Tag!" Dann verschwand er. Der
König war sehr erschrocken darüber, aber er hoffte noch , dass er den
Fremden überlisten könnte. Als
Jahr und
Tag vorüber waren, gab der König auf seinem Schloss ein großes
Fest . In drei Reihen standen ausgewählte Krieger Wache um den Palast, und
Fremden war es bei Todesstrafe verboten, diesen zu betreten. Hinter dem Thron
standen Edains Hofdamen, und alle hielten ein wachsames Auge auf die Königin.
Nachdem er, wie er dachte, sich nach allen Seiten abgesichert hatte, nahm der
König den Platz an Edains Seite ein. Schön wie der lichte Morgen saß
sie auf ihrem Thron, geschmückt mit glitzernden Edelsteinen, und in ihre
schönsten Kleider gewandet. Bis
Mitternacht dauerte die Feier, dann sah der König plötzlich den Fremden
gerade in der Mitte der Halle stehen. Außer ihm und der Königin schien
niemand den Mann zu bemerken. Er kam zum Königspaar herüber, sah Edain
dabei fest in die Augen. Dann begann er, auf einer goldenen Harfe zu spielen und
sang mit süßer Stimme ganz leise ein Loblied auf sie. Edain schloss
halb die Augen, saß da wie in Trance. Unterdessen war Midan ganz nahe heran
gekommen, und als er genau vor dem Thron stand, legte er sanft seinen Arm um die
Taile der Königin, zog sie zu sich heran, und ging mit ihr fort, mitten durch
die Scharen der Höflinge und Wachen. Niemand hinderte ihn, und der König
kam sich vor, wie in einem Traum, und konnte weder sprechen noch sich bewegen. Als
er wieder zu sich kam, war ihm klar, dass der Fremde ein Anführer der Tuatha
de Danann war, der Edain auf sein Feenschloss geholt hatte. Er rief alle Ritter
von Irland zusammen und wies sie an, die Wälder der verhassten Tuatha zu
zerstören. Keinen von ihnen sollten sie am Leben lassen, bis die Königin,
seine geliebte Braut, zu ihm zurückgebracht wurde. Aber sie kam nicht. Aus
Rache ließ der König nun all die Ställe verschließen, in
denen die Pferde der Tuatha de Danann untergebracht waren, damit sie Hungers sterben
sollten. Aber die Pferde waren von edlem Geblüt, und kein Schloss und Riegel
konnten sie halten. Sie brachen aus, und wie ein Wirbelwind rannten sie davon
über das Land. Die Ritter, die die wunderbaren Rösser sahen, vergaßen
daraufhin, nach Edain zu suchen. Sie sannen nur noch darüber nach, wie sie
eine der stolzen Stuten mit den silbernen Hufen und den goldenen Mähnen für
ihren eigenen Stall einfangen konnten. Der
König von Munster tobte vor Zorn, und er sandte zum Anführer der Druiden.
Er drohte ihm furchtbare Strafen an, wenn er nicht den Platz ausfindig machen
könnte, an welchem die Königin versteckt war. So zog der Druide durch
das ganze Land, suchte überall, beschwor die Geister, wirkte Zaubersprüche,
und schließlich fand er heraus, dass Königin Edain in Midans Palast
versteckt war, der sich unter einem Hügel mitten in Irland befand. Nun
rief der König eine große Armee zusammen und zog mit ihr zu Midans
Hügel. Sie schlossen den Hügel vollkommen ein und begannen dann, mitten
in sein Inneres auszuheben. Wirklich kamen sie auch an die Tore zum Feenpalast.
Der König wollte schon den Befehlt zum Sturm geben, da kamen 60 Frauen den
Hügel herunter. Durch Midans Zauber sahen alle genau so aus wie die Königin
Edain selber und waren auch so gewandet, wie Edain am Tage ihres Verschwindens.
Nicht einmal der König konnte feststellen, ob sich Edain tatsächlich
auch unter ihnen befand oder nicht. Aber
Edain, die ihren Ehemann so nahe bei sich sah, erkannte in ihrem Herzen, dass
sie ihn liebte, und die Kraft des Feenzaubers fiel von ihr ab. Sie kam zu ihm,
und er hob sie auf sein Pferd, küsste sie zärtlich und brachte sie sicher
zurück zu seinem königlichen Palast in Tara, wo sie bis zu ihrem Tode
glücklich zusammen lebten. In
anderen Erzählungen heißt es dagegen, Edain sei niemals wieder zu ihrem
Ehemann zurückgekehrt. Jedenfalls
begann von dieser Zeit an eine erbitterte Fehde zwischen den Menschen und den
Tuatha de Danann, lange widerstanden diese, aber schließlich zogen sie sich
immer weiter von der Menschenwelt zurück, bis sie, wie man sagt, in den Nebeln
verschwanden... 
Original
Art: Antony Frederick Sandis Faerietales/Inhalt Rabenseiten/Inhalt Gästebuch
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