 | Es
war vor langer Zeit, damals, als es noch Gegenden gab, die niemals eines Menschen
Fuß betreten hatte, als zwischen den Ansiedlungen der Menschen noch undurchdringliche
Wälder wuchsen, in denen geheimnisvolle Wesen lebten. Damals wurde dem König
von Dänemark ein Sohn geboren. Zur Taufe des Knaben erschienen auch sechs
Feen. Eine davon hieß Morgane, sie war sehr schön und sehr klug, und
man sagte ihr nach, dass sie es liebte, sterbliche Männer zu verführen. Jede
der Feen machte dem Jungen ein Geschenk. Die erste Fee schenkte dem Kind eine
schöne Gestalt. Die zweite legte ihm in die Wiege, dass es später ein
angenehmes Wesen haben und von allen geliebt werden sollte. Die dritte sagte:
"Stark sollst du werden, so stark wie ein Ochse, und niemals sollst du eine
Schlacht verlieren!" Die vierte Fee schenkte ihm Tapferkeit.
Die fünfte schenkte ihm noch ein liebenswertes Wesen. Und Morgane schließlich
war von dem Knaben derartig entzückt, dass sie ihm sich selber schenkte.
" Du sollst ein langes Leben haben! Aber zu gegebener Zeit", so sprach
sie, "wirst du zu mir auf meine Insel kommen und dort für immer als
mein Geliebter leben!" Und nachdem sie alle einen Becher Met geleert hatten,
verließen die Feen das Fest. Noch
lange redeten die Menschen über die Geschenke der Feen. Die
Zeit verging. Der Knabe wurde langsam erwachsen. Gut sah er aus, war von angenehmem
Wesen, und es gab weit und breit niemanden, der ihm nicht wohlgesonnen war. Breit
waren seine Schultern, und keiner war ihm im Kampf gewachsen. Als er zum Manne
herangewachsen war, ging er nach Frankreich und wurde dort zu einem berühmten
Ritter. Wegen seiner Herkunft nannte man ihn Ogier, den Dänen. In seinem
langen Leben tat er sich immer wieder hervor durch seine Tapferkeit und seinen
Wagemut. Während dieser ganzen Zeit ließ Morgane nichts von sich hören,
und er hatte sie eigentlich schon fast vergessen. Ogier
wurde schließlich ein alter Mann. Als er nun einmal zu Schiff unterwegs
war, kam ein schrecklicher Sturm auf. Er trieb das Schiff in die Nähe der
Insel, auf der die Fee lebte. Hoch gingen die Wellen, und eine davon spülte
ihn schließlich über Bord. Ogier wurde rasch abgetrieben, und seine
Männer konnten ihn nicht wieder an Bord ziehen. Bald darauf ließ der
Sturm nach. Lange noch suchten die Männer nach ihm, aber sie fanden nichts.
Schließlich glaubten sie, er sei ertrunken und kehrten traurig nach Hause
zurück. Aber
Ogier hatte überlebt. Die Wellen trugen ihn zur Insel der Morgane und warfen
ihn dort ans Ufer. Er traute zuerst seinen Sinnen nicht, denn auf den Seekarten
war an dieser Stelle keine Insel verzeichnet. Und doch stand er nun an einem Strand,
der von feinem weißen Sand bedeckt war. Die Wellen, die eben noch so hoch
gegangen waren, plätscherten jetzt ganz sanft an den Strand. Als
Ogier sich langsam wieder erholt hatte, erkundete er die Insel, und gelangte schließlich
in einen wunderbaren Obstgarten, in dem tausend Blumen blühten, und an dessen
Bäumen gleichzeitig Blüten und Früchte zu sehen waren. Dort an
erwartete ihn Morgane, so schön wie die Morgenröte, in einem Gewand
aus bestickter Seide. Ogier verliebte sich auf der Stelle in sie und sank vor
ihr auf die Knie. Sie hob ihn auf und steckte ihm einen silbernen Ring an den
Finger, woraufhin all die Jahre von ihm abfielen. Sein gebeugter Rücken straffte
sich, die alten Augen wurden wieder klar, die Haare wellten sich kraftvoll und
golden wie in seiner Jugend. Morgane küsste ihn, und er vergaß auf
der Stelle alle Erinnerungen an sein sterbliches Leben. Zusammen sollen die beiden
immer noch auf dieser geheimnisvollen Insel leben. 
Original
Art: Sir Edward Burne-Jones Faerietales/Inhalt Rabenseiten/Inhalt Gästebuch
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