Vor
langer Zeit lebte in Irland der Feenkönig Finvarra in einem Palast unter
einem Hügel in Knockma in Tuam. Obwohl er verheiratet war, gelüstete
es ihn doch hin und wieder nach einer schönen Frau der Sterblichen, die er
entführte und in seinen Palast brachte, wo die Zeit dahin ging mit Musik
und Nichtstun. In
dieser Zeit lebte auch ein Mädchen namens Ethna. Rotgolden glänzte ihr
Haar, und lilienweiß war ihre Haut, man nannte sie die Blume von Irland,
und sie war ihrem Verlobten, dem jungen Lord, herzlich zugetan. Endlich
war es soweit, die Hochzeit sollte stattfinden. Viele Wochen sollte gefeiert werden,
denn der junge Lord liebte seine Braut sehr und war sehr glücklich. Jeden
Tag fanden Jagden statt, und abends spielten die Musikanten auf, und es wurde
getanzt. Die eifrigste Tänzerin war die junge Frau, beschwingt und ausgelassen
bewegte sie sich unter den Gästen, und ihr Hochzeitskleid glänzte silbern
im Licht von tausend Kerzen. Aber
plötzlich brach Ethna mitten im Tanz zusammen und sank leblos auf den kalten
Steinboden der Halle. Erschrocken wichen die Gäste zurück, so dass der
Lord sich zu ihr knien konnte. Er rief ihren Namen, aber sie antwortete nicht.
Bleich waren ihre Wangen und so schwach war ihr Atem, dass man ihn kaum wahrnehmen
konnte. Ihr Gatte trug sie ins Brautgemach und wachte die ganze Nacht an ihrem
Lager.
Am Morgen wachte sie kurz auf, aber
sie benahm sich seltsam, den ganzen Tag sprach sie von nichts anderem als davon,
ineiner wunderschönen Halle gewesen zu sein und wunderbarer Musik gehört
zu haben, und sie konnte es gar nicht abwarten, wieder einzuschlafen und weiter
zu träumen. Und am Abend hörte man plötzlich leise Musik an ihrem
Fenster, und sie sank in tiefen Schlaf, und dieses Mal gelang es niemandem, sie
wieder aufzuwecken. Auch
am nächsten Tag veränderte sich ihr Zustand nicht. Der junge Lord wachte
die ganze Zeit an ihrem Bett. Als er schließlich müde wurde, übernahm
Ethnas alte Amme die Wache. Aber sie schlief darüber ein, und als sie erwachte,
musste sie feststellen, dass Ethna verschwunden war. Sofort
kam der Verdacht auf, die junge Braut sei von Feen entführt worden. Der junge
Lord brach mit einer Gruppe von Gefolgsleuten auf zu Finvarras Hügel. Er
wollte sich Rat holen von dem Feenkönig, den er für seinen Freund hielt. Aber
als sie am Feenhügel ankamen, hörte der Lord plötzlich leise Stimmen
flüstern: "Sehr
glücklich ist Finvarra, die schöne Ethna ist in seinem Palast, und niemals
wird ihr Ehemann sie wieder sehen!" So
wusste er nun, dass Finvarra ihn verraten hatte.
Aber der junge Lord gab noch nicht auf! Er ließ Bauern und Handwerker zusammen
rufen, und sie erschienen mit Hacken und Spaten und fingen an, ein großes
Loch auszuheben, mitten im Feenhügel. Aber als die Sonne unterging, mussten
sie eine Pause machen und gingen heim, um zu schlafen. Als
sie am nächsten Morgen wieder zum Hügel hinaus kamen, war das Loch,
was sie gegraben hatten, wieder verschwunden, und sogar das Gras war wieder gewachsen.
Noch einmal setzten sie alle Kraft ein, und dieses Mal war das Loch noch tiefer
als am ersten Tag. Aber auch in dieser Nacht wurde ihre ganze Mühe wieder
zunichte gemacht. Und so ging das auch noch ein drittes Mal. Langsam wurden die
Bauern und Handwerker missmutig. Müde
und traurig stand der junge Lord am Feenhügel, der wieder unversehrt und
grün bewachsen vor ihm lag, als wenn ihn niemals ein Spaten berührt
hatte. Plötzlich
hörte er wiederum Stimmen in der Luft: "Wenn
der junge Lord wüsste, dass er die ausgegrabene Erde mit Salz bestreuen müsste!
Dann könnte Finvarra mit seinen Zauberkräften nichts mehr ausrichten!" Sofort
ließ der Lord nun sämtliche Salzvorräte seiner Grafschaft zum
Feenhügel schaffen. Noch einmal mussten die Bauern und Handwerker graben,
und am Abend streute der junge Lord mit eigener Hand das Salz auf die aufgeschüttete
Erde. Ängstlich kamen die Menschen am nächsten Morgen zum Feenhügel,
und siehe da:Die große Vertiefung war unverändert da, und das Salz
lag weiß auf der aufgeschütteten Erde. Mit frischer Energie fingen
die Bauern nun bereitwillig wieder an zu graben, und schon am Nachmittag war die
Furche schon tief in den Feenhügel gegraben! Auf
einmal drangen aufgeregte und ängstliche Stimmen durch die trennende Erdschicht:
"Wenn
sie weiter graben, werden Sonnenstrahlen den Palast treffen!" - "Er
wird vernichtet werden mit allen seinen wunderbaren Kunstwerken, dahinschwinden
wie Nebel in der Sonne!" - "Finvarra soll die Braut aufgeben, dann sind
wir sicher!"
Und dann war Finvarras Stimme selber
zu vernehmen über all diesem Lärm wie eine klare Glocke: "Haltet
ein, Sterbliche! Wenn die Sonne untergeht, wird Ethna wieder zu ihrem Bräutigam
zurückkehren!" Der
junge Lord ließ die Arbeiten einstellen, und die Spaten wurdenniedergelegt.
Ängstlich und ohne zu reden wartete man auf den Sonnenuntergang, und da kam
die junge Frau aus dem Wald geschritten, in ihrem Hochzeitskleid, so wie sie damals
verschwunden war.Nur um die Taille trug sie einen neuen, wundervoll bestickten
Gürtel, zusammengesteckt mit einer edelsteinbesetzten Brosche. Überglücklich
hob der junge Lord sie auf sein Pferd und brachte sie heim auf sein Schloss. Aber
er musste feststellen, dass seine junge Braut kein Wort sprach und niemals lächelte.
Bleich und wie in Trance schritt sie durch das Schloss, und niemand konnte zu
ihr vordringen. Erneut begannen sich alle um sie zu sorgen, denn man ahnte, dass
sie in der Halle des Feenkönigs Feennahrung gegessen hatte und nun fürchteten
alle, der Fluch, der über ihr lag, würde niemals mehr enden. Ein
Jahr verging, und fast hatte man sich an die Situation gewöhnt. Trauer lag
über der Gegend, und nirgends hörte man mehr Lachen und Singen. Da ritt
der junge Lord eines Tages zur Jagd in den Wald. Er kam auch am Feenhügel
vorbei. Und
plötzlich hörte er wieder Stimmen in der Luft: "Ein
Jahr und ein Tag ist es nun her, dass er seine junge Frau heim gebracht hat von
den Feen! Aber was hat er davon? Zwar ist ihr Körper bei ihm, doch ihre Seele
ist immer noch bei den Feen!" - "Und
so wird es bleiben, bis der Fluch gebrochen wird." - "Wie kann man denn
das bewirken?" - " Der Lord muss den Gürtel von ihrer Taille lösen,
der mit einer verzauberten Nadel festgesteckt ist. Der Gürtel muss im Feuer
verbrannt werden, und er muss die Asche vor dem Burgtor verstreuen. Die Nadel
aber muss er in der Erde vergraben. Nur so kann der Fluch von seiner Braut genommen
werden und sie wird ganz zu ihm zurückkehren!" Sofort
ritt der Lord zurück zu seiner Braut, die reglos träumend auf dem Bett
lag. Fieberhaft versuchte er, den Gürtel zu lösen, aber er war so geschickt
verknotet, dass er nichts ausrichten konnte. Schließlich ergriff er seinen
Dolch und schnitt den Gürtel einfach auf. Teilnahmslos sah Ethna ihm nach,
wie er mit dem Gürtel und der Nadel eilends den Raum verließ. Er
verbrannte den Gürtel im Karmin, verstreute die Asche vor dem Burgtor und
vergrub schließlich die juwelenglitzernde Anstecknadel tief in der Erde
vor den Schlossmauern. Und kaum hatte er das getan, als er schon Lachen und eilige
Schritte aus dem Schlosshof vernahm. Als er aufblickte, kam seine Braut auf ihn
zu, lächelnd, mit rosigen Wangen und leuchtenden Augen. Wohl
erinnerte sie sich an ihren Aufenthalt bei den Feen, doch für sie hatte er
nicht länger als eine Nacht gedauert. Es gab ein großes Fest mit Musik
und Tanz, und endlich wurde Hochzeit gehalten. Und es war, als habe es das Jahr
voll Kummer und Trauer nie gegeben. Und niemals wieder hörten sie etwas von
Finvarra und seinen Feen. Aber das Loch in dem Hügel kann man bis auf den
heutigen Tag sehen. Man nennt es Faery Glenn. 
Original
Art: John Waterhouse Faerietales/Inhalt Rabenseiten/Inhalt Gästebuch
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